Titus Stahl

Jungle World: Unmut beim Uniprekariat

Die Jungle World über die Novelle des WissZeitVG:

Tatsächlich wird eine Novelle des WissZeitVG an den grundsätzlichen Verhältnissen in der Wissenschaft und an den Hochschulen nichts ändern, denn dass es naheliegt, zahlreiche Wissenschaftler befristet arbeiten zu lassen, ergibt sich aus der hierarchischen Struktur der Hochschulen und Forschungsprojekte. Die Professur ist das einzig mögliche Berufsziel in der Wissenschaft. Und gleichzeitig ist es für viele unerreichbar.

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Angesichts der Verhältnisse an den Hochschulen und in den Forschungseinrichtungen sind Karrierismus und Zynismus verbreitet. Bei der verschärften Konkurrenz sind persönliche Kontakte und Opportunismus hilfreicher als die Vertiefung in einen Gegenstand. Deprofessionalisierung ist die Folge der außersachlichen Vermittlung der Konkurrenz, akademische Moden und Rituale karikieren das Ideal wissenschaftlichen Arbeitens. Und weil die sachliche Auseinandersetzung leidet und es nichts mehr zu vermitteln gibt, verkümmert die Lehre. Diese Leere des akademischen Betriebs wird allerdings verdeckt von einer romantischen Ideologie. Selbstverwirklichung wird propagiert, wo es kaum zum Leben reicht. Sinn wird behauptet, wo es um Lohn gehen müsste. Und statt es Arbeit zu nennen, ist alles bis zur Professur Bildung – oder euphemistisch ausgedrückt: Qualifizierungsphase oder Durchgangsstation. Und diese Umstände wird keine Novelle des WissZeitVG ändern. Im Gegenteil: Die Novelle täuscht Veränderung vor, wo keine stattfindet und stattfinden soll.